Der Mensch mit den zwei Gesichtern

Fortsetzung 2 – Anfang der Geschichte siehe oben

Er saß eine ganze Zeit und beobachtete die Menschen an der Tafel mit Jesus. Er sah ihre Freude über die Rettung, er sah ihre Liebe zu Jesus und die Liebe von Jesus zu ihnen, und eigentlich hätte er gerne an der Feier teilgenommen und auch die Liebe gespürt, aber …..

Er wollte von seinem Vorhaben nicht abgehen und das hielt ihn zurück, auch wenn schon der eine oder andere Zweifel an seinem Verhalten in ihm aufkam, aber er hätte sich ja entschuldigen müssen, und das wollte er auf keinen Fall, und sie würden ja auf ihn herabblicken, und auch das wollte er ebenfalls auf keinen Fall, das hatten andere schon getan und deswegen hatte er sich ja so verhalten, es sollten alle zu ihm aufschauen und ihn bewundern, auch auf Kosten anderer.

Was aber sein größtes Problem war, er konnte die Liebe nicht annehmen. Sein ganzes Leben lang wurde er scheinbar nicht geliebt, das hatte sich so in ihm festgesetzt, daß er gar nicht mehr nach der Liebe suchte, immer wurde er – seinem Empfinden nach – benachteiligt. Und so verhielt er sich so, daß es auch tatsächlich geschah, und er sich dann in seinen Gefühlen bestätigt fühlte.

Dazu kam, daß er noch Belastungen von seinen Vorfahren übernommen hatte und dies zu seiner Misere beitrug. Auch das hielt ihn davon ab, einfach zu den Menschen zu der Tafel zu gehen und zu fragen, ob er sich dazusetzen könnte.

Ein Mann an der Tafel stand auf und kam auf ihn zu, aber er wollte nicht angesprochen und auf sein Verhalten hingewiesen werden und so ging er lieber in die andere Richtung. Als er zurückschaute sah er, daß der Mann sich wieder an die Tafel gesetzt hatte. Jesus schaute ernst zu ihm herüber und noch einmal wünschte er sich, daß er auch dort sitzen könnte, aber es nützte ja nichts, und so ging er davon.

Bei seinen neuen Vorhaben stellte er fest, daß es ihm nicht möglich war, etwas zu tun, was auch nur im entferntesten seinen vorherigen Taten ähnlich war. Er konnte sich mit redlicher Arbeit Geld verdienen und lebte in auskömmlichen Verhältnissen, aber alles was er auf Kosten anderer sich erwerben wollte, gelang ihm nicht mehr, es klappte einfach nicht.

Und so änderte er sich im Laufe der Zeit, seine Vorhaben wurden gut und dienten den Menschen. Und die Meinung der Menschen über ihn wurde besser, sein Ansehen steigerte sich zusehends und dann und wann fragte ihn einer um Rat oder bat um Hilfe bei einer Arbeit.

Eines Tages half er einem Mitmenschen und stellte dabei fest, daß es ihm wirklich Freude gemacht hatte zu helfen, auch wenn er keinen finanziellen Ausgleich dafür erhielt. Das freudige Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, war ihm genug. So wurde er ein geachtetes Mitglied in seiner Gemeinde, das für viele Probleme ansprechbar war und half, Lösungen zu finden.

Manchmal dachte er noch an sein früheres Leben zurück und wenn er es mit seinem jetzigen verglich, dann war er froh, daß er aufgehalten worden war. Es war sinnlos gewesen und hätte zu nichts geführt. Seine Maske, die etwas vortäuschte, was gar nicht da war, hatte er lange abgesetzt, jetzt konnte er sein wahres Gesicht jedem zeigen.

Dann kam die Stunde, da er sich von der Welt zu verabschieden hatte, sein Übergang war leicht, er hatte sein Herz an nichts mehr gehängt und war nur etwas bange, wie es wohl sein würde, Jesus zu begegnen, der würde ihn wohl tüchtig schimpfen. Vielleicht mußte er ja auch erst einmal in die Hölle und ins Fegefeuer, aber das wollte er gerne auf sich nehmen, wenn er dann nur auch mit Jesus bei einem Freudenmahl sitzen konnte.

Und dann begegnete er Jesus und der nahm ihn einfach in die Arme und der Mann fühlte sich geborgen und in Liebe angenommen. Als er später Jesus fragte, ob er denn nichts abzubüssen hätte, lächelte der nur und sagte: “Du hast noch viel zu lernen, es ist schade, daß du die erste Zeit auf er Erde nicht besser genutzt hast, aber das ist auch alles. Die Menschen, die damals darum gebeten haben, daß deinem Treiben Einhalt geboten wurde, haben dir und deinen Opfern geholfen, aus der Situation heraus zu kommen. Und die Tatsache, daß du dir gewünscht hast, auch an der Tafel mit zu essen, hat mir die Möglichkeit gegeben, dich in deinem weiteren Lebensweg zu leiten.

Schau, der Mensch, der mit an der Tafel sass, der damals aufstand und in deine Richtung ging, wollte dir einiges erklären und dir helfen, aber da du das nicht wolltest, hat es länger gedauert mit deinem Weg, aber nun bist du hier, und es warten neue Aufgaben auf dich.”

Es dauerte eine ganze Weile bis der Mann das fassen konnte, was ihm half war, daß er wirklich spürte, daß er – so wie er war – angenommen wurde und sich keine Sorgen zu machen brauchte, solange er sich nicht über einen anderen erhob und das wollte er auf keinen Fall mehr machen.