Der Sklavenhalter im Jenseits

Ein Sklavenhalter war alt und krank geworden und schließlich starb er. Es war bei seinem Zustand vorauszusehen und er war vorbereitet.

Nach seinem letzten Atemzug spürte und sah er, wie seine Seele sich vom Körper löste, und er ein Gefühl von Wohlbefinden und Freiheit hatte, sein ehemaliger Körper war zum Schluss schon sehr krank und schwach gewesen.

Seine Eltern und Geschwister, die vor ihm gestorben waren, begrüßten ihn im Jenseits und so wurde ihm vollends bewußt, daß er sich von seinem weltlichen Körper getrennt hatte und nun in einem neuen Bewußtsein war.

Er erwartete nun, daß sich seine Familie um ihn kümmern und ihm in dem neuen Leben helfen würde, aber nach einer freudigen Begrüßung verabschiedeten sie sich nach und nach, um wieder ihren Beschäftigungen nachzugehen. Und so saß er letztendlich allein auf einer Bank am Rande einer Wiese. Es war ihm nicht unwillkommen, er hatte den Umbruch in seinem Dasein zu verarbeiten.

Es war zwar eine ruhige Umgebung, aber sie Sonne fehlte, es war wohl erst Tagesanbruch hier, na ja das würde schon besser werden.

Nach einiger Zeit schlenderte ein junger Mann mit dunkler Hautfarbe über die Wiese und kam an ihm vorbei. Er hatte schöne gepflegte Kleider an und machte einen sorglosen Eindruck. Der Sklavenhalter sah an sich hinab, um zu schauen, was er denn für Kleider an hatte und stellte mit Entsetzen fest, daß von der früheren Pracht seiner Kleider nichts übrig geblieben war. Sie war zerrissen und hingen in Fetzen um seinen Körper, seine Schuhe hatten Löcher und sein Hut war ohne Krempe.

Die Kleider des Sklaven – und es mußte ja ein Sklave sein bei der Hautfarbe – waren wesentlich besser, feines Tuch, gut verabeitet, das sah gut aus. Und so hatte er den Wunsch, die Kleider mit diesem Menschen zu tauschen und er äußerte dies auch. “Gib mir deine Kleider, meine sind nicht mehr in Ordnung, deine sind besser,” sagte er. Der Mensch lächelte ihn an und sagte: “Selbst wenn ich dir meine Kleider geben würde, das würde dir nichts nützen. Solange du dir bessere Kleider und ein besseres Aussehen nicht verdient hast, ändert sich an dem äußeren Zustand deiner Kleider nichts. Sie sind Ausdruck deines inneren Zustands.” Und mit diesen Worten ging er einfach, ohne noch weiter auf den Sklavenhalter zu achten.

So eine Unverschämtheit war dem Herrn noch nicht ungekommen, er würde diesen Sklaven bestrafen, aber wie, war das etwa gar kein Sklave, aber die Hautfarbe. Und so saß er eine ganze Weile und setzte sich mit einer Welt auseinander, in der er schlechtere Kleidung hatte als ein schwarzer Mensch und er unverschämte Antworten bekam von einem solchen. Oder war das ein Hinweis auf etwas, das er tun sollte. Der Ort war ja nicht schlecht, an dem er saß, aber es war immer noch düster und irgendwie auch eintönig, so da zu sitzen.

Da hüpfte ein junges Mädchen über die Wiese, es war eine Freude, wie sie da fröhlich hin und her sprang und einen Strauss Blumen pflückte. Ja, da waren Blumen, er hatte bisher noch gar keine bemerkt, aber dort waren welche und sie hatte schon einen schönen Strauß. “Was für hübsche Blumen”, machte er sich bemerkbar. Das Mädchen hielt inne, musterte ihn, verzog etwas das Gesicht und wollte weitergehen. “Möchtest du mir nicht ein paar abgeben?” fragte er. “Nein, die sind für meine Mama, mein Papa hat keine verdient, er war nicht gut zu mir”, und fort war sie.

Was für ein seltsames Verhalten die Menschen hier hatten, der eine wollte seine Kleider nicht abgeben und dieses Mädchen sprach despektierlich von seinem Vater. So alt wäre nun das Mädchen, das er mit einer Haussklavin gezeugt hatte, aber sie war ja bei der Geburt gestorben, weil er keinen Arzt holen wollte. Es hätte nur unnötig Geld gekostet und Aufsehen erregt und so starb das kleine Mädchen, die Mutter überlebte knapp, er hatte sie später verkauft, weil er ihre vorwurfsvollen Blicke nicht mehr ertragen konnte. War das etwa dieses Mädchen, er war ja im Jenseits, kamen da etwa auch ungetaufte, schwarze Kinder hin?

Ein Anflug von Reue überkam ihn, er fand es auf einmal nicht mehr selbstverständlich, daß er keinen Arzt geholt hatte. Er hätte gerne mit dem Mädchen und seiner Mutter, sie war ja später auch gestorben, gesprochen, wußte aber nicht wirklich, was er ihnen hätte sagen können und so blieb er erst einmal sitzen und dachte nach. Fragen kamen immer und immer wieder in seinen Sinn: Tut es dir leid und würdest du heute anders handeln?” An diesen beiden Fragen kam er nicht mehr vorbei und nach langer Zeit kam er zu der Erkenntnis, es war falsch, was er getan hatte, es tat ihm sehr leid, und er würde heute anders handeln, ja er wünschte sich, daß er damals anders gehandelt hätte. Er war sehr traurig, konnte aber seine Tat nur bereuen und nicht ungeschehen machen.

Ein leises Geräusch schreckte ihn auf, und als er sich umschaute, sah er ein paar Blumen neben sich auf der Bank liegen. Er freute sich von Herzen und war sich nun sicher, daß das sein Kind war und auch, daß er auf dem rechten Weg war, und er sie wohl wiedersehen würde.

Immer wieder kam es zu Begegnungen, die ihn an schlechte Taten in der Vergangenheit erinnerten und immer wieder kamen die Fragen: Tut es Dir leid, würdest Du heute anders handeln. Oft versuchte er die Schuld wegzudiskutieren und sich im Innern zu rechtfertigen, aber es gelang im nicht und so arbeitete er Stück für Stück sein Leben auf.

Als er einmal das Gefühl hatte, daß in seinem Leben doch gar nichts richtig gewesen war, und es ihn nieder drückte, versuchte er sich an einen Moment zu erinnern, den er als positiv betrachtete. Dabei hatte er erst ein Gefühl von Euphorie, ja so ganz schlecht war es doch nicht. Aber dann kamen wieder die Fragen, die ihm das Ganze von einer anderen Seite zeigten, und er sah, daß selbst dabei ein Gefühl von Hochmut und Selbstberäucherung vorrangig gewesen war.

Einmal wollte er fast verzweifeln ob der Menge der aufzuarbeitenden Taten in seinem Leben. Da fiel ihm ein, daß er einmal ein Kind nicht verkauft, sondern es bei seinen Eltern gelassen hatte, obwohl er ein sehr gutes Angebot gehabt und schon sehr in Versuchung war, aber in einem Anflug von Mitleid hatte er den Verkauf abgesagt und das Kind bei seinen Eltern gelassen. Diese Taten kamen ihm nun zugute, er schöpfte Mut und machte sich wieder an das Anschauen seiner negativen Taten.

Es war nicht so, daß er sich bei den Menschen zu entschuldigen hatte, es ging darum, seine irdischen Taten anzuschauen und die Motive dafür zu erkennen. Die Reue kam dann ganz von selbst. Und so wurde er im Innern Stück für Stück durch sein ganzes Leben geführt. Manche Episoden kamen mehrmals, da er beim ersten Mal nicht alles erkannte und daher noch einmal damit zu arbeiten hatte.

Aber endlich hatte er das Gefühl, so nun ist es gut, er hatte wenig Positives vorzuweisen und das dringende Bedürfnis, etwas gut zu machen.

Der junge Mann, dem er am Anfang begegnet war, kam über die Wiese geschlendert und setzte sich zu ihm. Früher hätte er das als Frechheit empfunden und sich darüber empört, nun war es ihm recht, vielleicht konnte der ihm weiterhelfen, Er wollte ihn dazu befragen, er war doch sehr sympathisch, ja er fühlte sich richtig zu ihm hingezogen.

„Ja, ich kann Dir Deine Fragen beantworten“, sagte der junge Mann. „Du hast gut gearbeitet in der letzten Zeit und angeschaut und bereut, was Du in Deinem vergangenen irdischen Leben falsch gemacht hast.“ „Ja und ich würde am liebsten noch einmal auf die Erde gehen, um das Ganze besser zu machen und die Menschen aufklären und zum Guten anhalten.“ „Ja, das war auch dein Vorsatz mit dem Du das letzte Mal auf die Erde gegangen bist. Du hast gesehen, wie die Plantgenbesitzer mit ihren Sklaven umgegangen sind und wolltest sie aufklären, daß sie die Sklaverei aufgeben und sich anders verhalten sollten.“ „Erschreckt schaute der ehemalige Plantagenbesitzer den Mann an und sagte: “Ich war schon einmal soweit und bin trotzdem genau zu dem geworden, vor dem ich eigentlich warnen wollte, weil ich es so schrecklich fand.“

Er erinnerte sich und je mehr er sich darauf konzentrierte, desto klarer wurde die Erinnerung, wie er sich damals mit Jesus darüber unterhielt, was er in dem bevorstehenden Erdengang erreichen wollte in seiner persönlichen Entwicklung und im Hinblick auf die Entwicklung der Mitmenschen. Was für großartige Pläne hatte er gehabt und wie kläglich war er gescheitert, wenn er sich sein Leben jetzt rückwirkend betrachtete. Er sah den Mann an seiner Seite an und jetzt fiel ihm auf, wie sehr das Gesicht dem von Jesus ähnelte, bis auf die Farbe. „Ja, ich bin es, nun hast Du mich erkannt und wenn du dich über meine Hautfarbe wunderst, ich habe alle die Hautfarben meiner Kinder, da gibt es für mich keinen Unterschied.“

„Aber kann ich den nun wieder auf die Erde gehen und dort etwas bewirken und ändern?“ wollte der ehemalige Plantagenbesitzer wissen. „Nun, es hat sich auf der Erde schon etwas anders geworden seit du dort warst, die Sklaverei ist abgeschafft, aber das Verhalten der Menschen hat sich nicht soviel geändert, dabei sind viele Jahre vergangen, aber die weisshäutigen Menschen betrachten sich immer noch als Herrenrasse.“ „Dieses Verhalten ist falsch, das habe ich jetzt erkannt, ich habe doch daran gearbeitet.“ „Ja, hast du, es fehlt zwar noch etwas, aber du hast doch weitestgehend erkannt, daß die Menschen gleich sind und auch gleich zu behandeln sind.“

George, der ehemalige Plantagenbesitzer, war ganz aufgeregt, er stand auf und ging ein paar Schritte. Dabei fiel ihm auf, daß er andere gut passende, reinliche Kleidung an hatte, nicht mehr die abgetragenen schäbigen Sachen von früher, er fühlte sich auch wohler und sein Körper war jünger als zu der Zeit als er von der Erde kam. Und plötzlich fiel ihm auf, daß es heller geworden, und daß die Sonne am Aufgehen war und als er Jesus anschaute, fiel ihm auf, daß er wieder eine helle Hautfarbe hatte, so wie sie wohl während seines Erdenlebens war.

Sie schauten noch einmal genauer an, wie das Verhältnis zwischen Weissen und Afroamerikanern insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika war, da dort das Vermächtnis der Skalvenhalter noch am deutlichsten zu spüren war. „Die Situation ist ja schlimmer als zu meiner Zeit. Es gibt eine Verfassung, die sagt, daß alle Menschen gleich sind, aber davon ist wenig zu merken. Menschen mit dunklerer Hautfarbe sind in vielen Dingen benachteiligt. Und sie sind nach wie vor ihres Lebens nicht sicher, wieso hat sich das nicht längst geändert.“ „Die früheren Vorkommnisse sind noch immer zu spüren. Ein weiterer Erdengang von Dir würde nichts nützen. Bei der Geburt wird Dir die Erinnerung weggenommen und Du bist den irdischen Strömungen ausgesetzt, daß das zu falschen Ergebnissen führen kann, hast Du ja schon bemerkt. Aber die Zeit ist reif für ein anderes Vorgehen.

Wir rufen die Menschen, von denen die Sklaverei ausging, und die Afrikaner, die auf den Schiffen in die Staaten gebracht wurden, zusammen. Diese Menschen sind alle hier im Jenseits an den unterschiedlichsten Orten und sie sind auch in den verschiedensten Stufen der Entwicklung, aber das ist für uns jetzt nicht entscheidend.“

Die Wiese, an deren Rand sie standen, war riesig, aber sie füllte sich mit Menschen. Auf der einen Seite die ehemaligen Sklavenhalter und -händler und auf der anderen Seite die Afrikaner, die eingefangen und auf Schiffen in die neue Welt gebracht worden waren. Alle waren ja schon lange im Jenseits und hatten so wie George eine Schulung und Verwandlung durchgemacht und so ging es recht friedlich zu.

George begab sich zu den ehemaligen Sklavenhaltern und Jesus stellte sich vor die Versammlung und fing an zu sprechen.

„Es war ein großes Unrecht, Menschen aus ihrer Heimat zu reissen, zu misshandeln, zu verschleppen und in die Sklaverei in die ‘neue Welt’ zu entführen, Menschen zu kaufen und zu verkaufen. Und dieses Unrecht wirkt bis heute nach in all euren Nachkommen, sowohl bei den Tätern als auch insbesondere bei den Opfern. Schaut es euch an, bereut, was Ihr getan habt und vergebt, was euch angetan worden ist. Und wenn ihr Schwierigkeiten habt, zu vergeben, dann fragt Euch, wie ihr an der Stelle Eures Gegenübers gehandelt hättet, wäret ihr besser gewesen und falls nicht, würdet ihr euch nicht auch freuen, wenn euch vergeben würde.“

Es herrschte Schweigen unter den Menschen auf der Wiese, bis auf einmal einer von den ehemaligen Sklaven auf seinen ehemaligen Herrn zuging und ihn umarmte und beide anfingen zu weinen. Das brach den Bann, immer mehr durchmischten sich die beiden Gruppen und die Menschen sprachen miteinander, weinten und lachten, umarmten sich und hielten sich an den Händen. Es war viel aufzuarbeiten und so dauerte es einge ganze Weile bis sich alle wieder gefaßt hatten.

Jesus fing wieder an zu sprechen: „Ihr seht, es geht gar nicht so sehr um die großen Gesten, eine Herzensverbindung mit dem andern, der gleichberechtigt ein Kind Gottes und damit eine Schwesterr oder ein Bruder ist, ist viel tiefgreifender und wichtiger.

Ich bitte Euch nun, das alles noch einmal durchzuarbeiten, ein jeder für sich und wenn es nötig ist, mit Hilfe des entsprechenden Gegenübers oder eines geistigen Führers. Es ist dies wichtig, nicht nur für euch, sondern auch für eure Nachkommen, die das übernommen und mitgetragen haben. Dadurch, daß Ihr aus diesen Fesseln befreit seid, und zwar sowohl Täter als auch Opfer, kann sich dies auch auf eure Nachkommen auswirken und an dieser Stelle zu einem friedlichen Miteinander der Menschen führen. Haltet die Liebe zum anderen in euren Herzen und laßt euch durch nichts davon abbringen, natürlich möchte die Gegenseite dazwischen funken, aber es nimmt ihr die Macht über euch, deswegen laßt euch durch nichts davon abbringen, den anderen in Liebe zu halten.“

Die Menschen nahmen die Worte auf in ihre Herzen und blieben noch eine Weile still auf der Wiese bevor sie nach und nach in ihre Wohnungen zurückkehrten. Der Prozess des Aufarbeitens würde noch eine ganze Weile in Anspruch nehmen, aber der Grund war gelegt und nun konnten diese Wunden in den Menschen im Jenseits und auch in ihren Nachkommen anfangen zu heilen.

Als Jesus sich zum Gehen wandte, kam George über die Wiese gelaufen, er wollte noch mit ihm reden. Erst bedankte er sich recht herzlich für die Arbeit und die Auflösung der Belastungen und dann bat er darum, an dem Werk mitarbeiten zu können und aus dem Inneren heraus auf der Erde die Menschen zu beeinflussen. Es ging ihm darum, diesen Frieden zwischen den Menschen, der nun hier im Jenseits zu spüren war, auf die Erde zu den Menschen zu bringen. Dies wurde ihm natürlich gewährt.

Und ganz langsam setzte sich dieses veränderte Bewußtsein auf der Erde durch. Die Menschen erkannten einander als Brüder und Schwestern an und achteten weniger auf die Hautfarbe und die Afroamerikaner konnten durchatmen, langsam liess die Belastung nach. Sie lernten auch, in kritischen Situationen im Innern um Hilfe zu bitten, und bekamen sie auch.

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Die zwei Gebote der neuen Zeit:

Du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten als dich selbst.

NT Lukas, 10,27 – Übersetzung Martin Luther